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Helden gesucht

 nowak18

„Unglücklich das Land, das keine Helden hat.“
„Nein - unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“

Mit diesem Zitat aus „Das Leben des Galileo Galilei“ von Berthold Brecht leite ich zu unserem Thema Helden gesucht.  Als unser Team dieses Thema wählte, konnte ich mich zunächst schwer damit anfreunden. Helden - das Wort macht verlegen, finden Sie nicht? Was ist mit Heldinnen? Begeisterung für Helden scheint irgendwie peinlich zu sein.

Als Kinder waren wir vertraut mit Heldenmut und Heldentaten aus Märchen und Erzählungen. Nichts anfangen konnten wir mit den Helden der Erwachsenen, die von großen, alten Worten umgeben waren wie Ehre, Pflicht, Vaterlandsliebe, Demut und der Opferbereitschaft, ihr Leben zu verlieren, die auf windigen Plätzen standen aus Stahl oder in Stein gehauen.

Erinnern Sie sich an die ersten Mickey Mouse Hefte aus der Heldenschmiede Walt Disneys? In den 50er Jahren gab es den Mickey Mouse-Club. Wer sich verpflichtete, allen Tieren zu helfen, konnte Mitglied werden und bekam eine silbrige Mickey Anstecknadel. Das gefiel mir. Im Alter von sieben Jahren wurde ich Mitglied und grad fällt mir ein  – ich bin nie ausgetreten. Als meine Anstecknadel mit der Post kam, heftete ich sie sofort an meine neue schöne Jacke und ging damit durch die Stadt, obwohl es in Strömen regnete. Ich fand ein Pferd. Das Pferd stand vor einen Wagen gespannt, darauf ein Berg mit Kohle. Das Pferd stand da, mit gesenktem Kopf, klatschnass. Ich sprach mit ihm, es schaute mich traurig an. Da musste ich einfach meine Jacke ausziehen und sie dem Pferd überlegen. Als der Kohlenhändler kam, rief ich: “Das Pferd braucht eine Decke!“ -  Er warf mir mürrisch die Jacke zu, setzte sich auf den Bock und ruckelte davon. Ich war inzwischen klatschnass wie das Pferd und meine Jacke, aber ich fühlte mich gut. Als Pferdebeschützerin machte mir auch das Schimpfen meiner Mutter nichts aus. Was wusste die schon …

Braucht ein Held oder eine Heldin einen Auftrag? Die Antike ist voll von Heroen, die als Halbgötter Berühmtheit erlangt haben. Um eine Bedeutung auf der Weltbühne zu haben, wollten Männer Herkules sein. Achilles ging ganz bewusst in den Tod, um dadurch als Held im Gedächtnis zu bleiben. Aber machte ihn das zum Helden? Herostrat dagegen, der ein Niemand war, steckte 336 v. Chr. den Artemis-Tempel in Ephesos, eines der sieben Weltwunder in Brand. Auf die Frage, warum er das tat, antwortete er: „Um berühmt zu werden.“ Warum wurde Herostrat verachtet, der nur einen Tempel zerstörte und Alexander der Große bewundert, obwohl er Tausende Tempel zerstörte?

Das Heldentum definierte sich erst neu und stellte die Werteordnung der Antike auf den Kopf, als der Apostel Paulus das Konzept einer „Religion für alle“ schuf. Paulus bestand darauf, dass für jeden das Göttliche zu erfassen sei, der sein Herz für einen allmächtigen Gott öffnet, weil  jeder Einzelne von diesem Gott geliebt werden würde. Damit brach eine Revolution des Denkens aus. Sie lenkte darauf, das Schwache zu achten, lenkte auf die Verpflichtung für das Leben des Einzelnen, die Krüppel, die Sklaven, die Irren und machte sie zu potenziellen Helden. Christliche Helden, die ihr Leben opferten, wurden zu Heiligen, deren Heldentum Gottes Vertreter auf Erden verbrieften. Ganz gleich, ob sie Legende, also erfunden waren oder real gelebt haben. 

Jahrhunderte lang wurden wir Europäer dadurch geprägt. Bis der Philosoph Friedrich Nietsche fragte: "Was aber, wenn es keinen Bezug zu Gott mehr gibt?- Dann würde es keinen Sinn mehr geben, wofür es sich zu leben lohnt und zu sterben. Jedes Opfer würde nur zur Selbststeigerung werden, zur Berechnung von Investition, Kalkulation der permanenten Arbeit an sich." Somit wären wir bereits in der Gegenwart gelandet. Der Schriftsteller Michael Ende schrieb in seinem Ewigen Heldenlied wie es bisher war: "...ein Mann, ein Mann, der nicht töten kann, der war eben kein richtiger Held, - kein richtiger Mann." Und weiter denkt er die Hoffnung, dass dieser alte tötende Held endlich einmal aus den Liedern verschwindet, dass etwas Neues erfunden wird für eine künftige Welt: "Und dann gilt der Mann, der nicht töten kann, erst als richtiger Mann. - Aber wann? Aber wann?"

Spätestens jetzt muss die Frage gestellt werden: Was bitte - zeichnet überhaupt einen Helden, eine Heldin in unserem Kulturkreis aus? "Jemand, der sich mit Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellt oder eine bewunderungswürdige Tat vollbringt", sagt der Brockhaus. In seinem Buch Weltgeschichte to go erklärt Alexander von Schönburg u. a. "warum ein Held kein Arschloch sein darf" und erinnert an den Philosophen Friedrich Hegel, der in seiner Philosophie der Weltgeschichte Folgendes manifestierte: "Historische Größe lässt sich einzig daran festlegen, wie tief jemand eine Spur in der Weltgeschichte hinterlassen hat. Besondere Individuen, die wissen, was an der Zeit ist. Fortschritt, Freiheit, Weltentwicklung."

Aha, also auch Entdecker, Erfinder, Wissenschaftler, die mit Altem brechen, Neues voranbringen. Damit könnte man sich identifizieren. Aber weiter heißt es bei Hegel: "Wer jedoch auf Charakter, die Absichten oder Unzulänglichkeiten eines Heroen sieht, kann dessen historische Größe nicht ermessen."

Demnach könnten absolute Scheusale, also durchaus Heroen sein. Demnach wäre einer, der in unser Land, die am tiefsten eingeschnittenen  Spuren hinterlassen hat, nämlich  Adolf Hitler - als Held zu bezeichnen. - Genau das könnte in unserem postmodernen, kulturellem Verständnis dazu geführt haben, Helden zu hinterfragen, Helden zu misstrauen. Die Heldenreise unseres Landes scheint still zu stehen.

Populäre Ersatz- oder Superhelden in Film, Fernsehen und Comic relativieren heldenhaftes Handeln zum Normalen. Heldentum von Eroberungen und Expeditionen schrumpft, angesichts immenser Technik, Hilfsroboter, ausgeklügelter Ausrüstung und wirft einzig die Frage auf, wer sich das finanziell überhaupt leisten kann. Viele Menschen verstehen sich als bloßer Durchschnitt, werden aber durch soziale Medien verführt, sich berufen zu fühlen, Grenzen zu überschreiten, um ihre Anerkennung zu stillen - durch Likes. Dabei werden Idole vergöttert oder Muskelkraft, Schmerzen ausgehalten für ein Schönheitsideal oder Hass verbreitet, bis hin zur realen grausigen Tat. Offene Charakterstärke dagegen, wird vielfach verlacht, verschluckt vom Mobbingsumpf oder um den Erdball ins Exil gejagt, wie im Beispiel des Whistleblower Edward Snowden.

Gehören Helden in unserem Land zur aussterbenden Art, sind Heldinnen im Vormarsch oder brauchen wir erst eine Katastrophe? Damit setzen sich Forscher in Freiburg und anderen Universitäten auseinander, mit Mustern von katastrophalen Ereignissen und Konstrukten heroischen Handelns, bezüglich des Geschlechts, der Ethnie oder der sozialen Schichtung und man darf gespannt sein, was da heraus kommt.

Zunächst wollten wir für diesen Abend echte Helden einladen. Aber dann fragten wir uns - wollen echte Helden überhaupt vorgeführt werden?  Ist eine Heldentat universell und/oder messbar?

Sind jugendliche Retter von boatpeoples bessere Helden als Journalisten, die für uns aus Kriegsgebieten berichten? Ist gegenüber dem jungen Felix mit seiner Baumpflanzaktion gegen die drohende Klimakatastrophe - der eigentliche Held vielleicht Khaled Asaad, der 82jährige Archäologe, der in Palmyra höchstes Kulturgut vor dem IS versucht hat zu bewahren, weil er blieb, als die Dshihadistenmiliz  kam? Weil er tot ist, enthauptet und sein Kopf an die Säulen des Tempels geheftet wurde?

Auf die Frage einer Tafel im Mehrgenerationenhaus: „Wer ist Dein Held und warum?“ antwortete eine Besucherin: „Meine Mutter. Sie hat mir mit ihrer Art des Sterbens, die Angst vor dem eigenen Tod genommen.“

Was der Einzelne als Katastrophe für sich oder das Gemeinwohl empfindet, erfordert in jedem Fall Mut und Aktion zur Lösung des Problems. Wen wir als Held oder als Heldin ansehen, wird an seiner Entschiedenheit im Gewesenen gemessen und muss stets in seinem sozialen und kulturellen Umfeld betrachtet werden. Wie es mit uns weitergehen soll, ist heutzutage mit der Odyssee kaum noch zu vermitteln. Unsere Systeme müssen sich verändern.

Wir brauchen Entscheidungen, um drohenden Katastrophen entgegen zu wirken. Mutige Entscheidungen, die uns schützen vor Machthabern, die durchdrehen und gegen die Manipulation von Mächten, die wir noch nicht erfassen können. Wir brauchen eindrucksvolle Vorbilder unter uns, um darauf verweisen zu können. Menschen mit Zivilcourage, die es wagen, sich gegen hohle Trends, gegen die allgemeine Meinung, gegen eine Übermacht zu stemmen, wider die Ohnmacht - ganz allein oder als Gruppe und die durchaus den Mut haben, ihr Leben zu riskieren. Diese Menschen gab es. Bücher und Filme erzählen von ihnen. Echte Helden und Heldinnen gibt es immer noch, sie sind zu finden.

Lassen Sie sich von unserer kleinen Auswahl im Programm an deren Heldentaten heran führen und uns Mut machen zur eigenen Zivilcourage.

Karin Nowak


 

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