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 Bürgerinitiative "im blauen Sessel" Ravensburg
 
 

heimat - fremde


Guten Abend meine Damen und Herren,
liebe Gäste, Salonbesitzer und Freunde,

was ist Heimat? – Ist Heimat Gefühl oder ein Ort? So fragten wir uns, vor einem Jahr, als wir das Thema aufnahmen. Dabei sahen wir zunächst  "Heimat" als unseren Schwerpunkt.  Wir wollten wissen, was dieses Wort beinhaltet, das in keiner anderen Sprache vorkommt und von dem es offenbar kein Vielfaches geben soll, keinen Plural.

Seinen Ursprung hat das Wort aus dem indogermanischen kei = liegen/ruhen. Aus dem germanischen gesellte sich haims = Wohnstatt dazu. Mit der Silbe „at“ war „hämatli“, eine Zustandsbedeutung von Geborgenheit, Vertrauen, Wärme und - sie war Neutrum.  

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde „das heimat“- begrifflich – nur im juristischen und geografischen Sinne benutzt. - Erst 1877 mit den Gebrüdern Grimm wurde der Geburts- oder ständige Wohnort als "Heimat" benannt. -

Doch wer auf einem Erdklumpen geboren wurde, hatte dort nicht automatisch das Bleiberecht. Wer ohne Besitz, zugereist oder nicht in einer örtlichen Weise privilegiert war, hatte kein Heimat-Recht - und bekam keinen „Heimatschein“,  weil er ja der Gesellschaft „auf der Tasche liegen“ könnte. Noch im 19. Jahrhundert wurde in Württemberg demjenigen, der kein Eigentum besaß, die Hochzeit verwehrt.

Heimat zu besitzen - verbrieft in einem „Heimatschein“ - wurde zu einem Privileg. Wer eine Heimat hat, gehört zu einem Ort, einer Gemeinschaft. Ein Halt in der Welt, im Unterschied zu Zigeunern, Reisenden und allem Fremden sonst.

Fortan verfestigte sich in den Köpfen deutscher Generationen Heimat als ein zumindest erstrebenswerter Zustand, der gleichsam als kollektives Ideal bis hin zum Pathos reichte. Erfüllt von einem Sehnen nach stetiger, still-stehender  Geborgenheit als Übersichtlichkeit der menschlichen Beziehungen und Verhältnisse, duldete diese Heimatlichkeit keine Veränderung.

Doch die Verhältnisse ändern sich nun mal. Rasanter Fortschritt, die äußere Entwicklung von Gesellschaft und Technik ließen Heimat eng werden.

Nach Heimat gefragt, verbindet der Einzelne damit Momentaufnahmen, - sinnliche Dinge, wie:

Bowideldatschkerl, Bier in der Luft, Lavendelduft, Narrengeschrei, Scheunen voll Heu, - Ochsenziemer, Kirschen im Schmand - oder - dahoim das ist ein Städtle, mein Haus…

Gegenwärtig jedoch scheint derjenige im Nachteil zu sein, der im Sinne eines festen Wohnortes an Heimat festhält. Er könnte sogar ein „Standortproblem“ werden. Denn - wer im modernen Leben wettbewerbsfähig sein will - muss bereit sein, umher zu ziehen. Ununterbrochen unterwegs zu sein, ist zu einem Markenzeichen, ja geradezu zu einem Qualitätsmerkmal geworden.  

Kürzlich sagte mir im Speisewagen ein Neuzeitnomade, er fühle sich im ICE genauso zu Hause, wie im Hotel. Per Internet ist er mit Freunden auf der ganzen Welt und mit seiner Familie verbunden. Das Netz sei wichtig. Der Ort spielt keine Rolle.

In meinem Urlaub, sah ich Familien an runden Tischen in der Hotelhalle sitzen. Kids und Erwachsene schienen nicht zu kommunizieren. Und taten es doch, die Gesichter auf Bildschirme von smartphones, Ipads oder Laptops gebannt in Gleichzeitigkeit von Netz-, Wohn- und Urlaubsort…

...erdumfassend.

Heimat im Netz? - Die Beschleunigung virtueller Welterfahrung erzeugt in vielen Menschen Angst.

Die Philosophin Hannah Ahrendt meint: „…die Bedingung des Menschenseins ist, zunächst einmal „nicht heimisch zu sein“. Das Neugeborene - in die Welt geworfen, hat seinen ersten Heimatverlust erlitten.“

Danach bekommt es Erfahrungsformen und Verhalten eingedrückt, wobei diese Prägungen nicht ohne Verletzungen abgehen.

„Der Mensch muss zuerst sehen lernen und Distanzen kennen, um sich fortan seine festen Bezugspunkte in der Welt zu schaffen.

Diese Bezugspunkte können heimatnah, sogar in einem Selbst sein - aber auch in Fremde oder Zukunft.  – „Heimat wird erst. Denn woher weiß man, wofür man geboren ist?“

Und weiter sagt sie:

„Solange Heimat nicht verlassen wird, ist sie nur im Selbstverständnis. (Ins selbst – verstehen) beschränkt ohne Raum für Neues, Anderes, Fremdes. Und in dieser Beschränktheit wächst Patriotismus.“ Und der wiederum kann  ideologisiert werden.“ Aber auch wenn er nicht aggressiv ist, kommt er dennoch auftrumpfend daher und selbst-gefällig.“

„Wer sesshaft ist, ist Fleisch“, sagen die Aborigines,  „und Fleisch ist Beute.“, wissen wir vom britischen Schriftsteller Bruce Chatwin.

Wer will schon Fleisch sein, Beute oder ausge-beutet?

Unterwegs sein als Formel? – Warum nicht. Ob als geografischer Neuzeitnomade oder Stubenhocker - im weltweiten Netz, - an der Welt - heimatreich zu werden, scheint nicht vermessen, sondern höchst aktuell ein Markenzeichen unserer Kultur geworden zu sein.

In einem Bewusstsein, dass Heimat immer wieder neu zu schaffen ist, kann zwischen hier und irgendwo weitere Heimat möglich werden - als Lebenszusammenhang.

Denn angesichts der vielen komplizierten Aufgaben, die auf unserem Planeten anstehen – sollten sich unsere Nachkommen  zu offenen Weltenbürgern entwickeln. Wir brauchen Kosmopoliten, die sich – wohlgemerkt in Übereinstimmung mit sich selbst - vernunftorientiert und crazy zugleich, uneigennützig und mit Einfühlungsvermögen, querdenkend, voller Verantwortung und Sympathie für den Mikro- und Makrokosmos unserer Erde einsetzen.

"Heim-Wege" zur Heimat sind Herausforderung für alle.  

Ach ja, und was tun mit Großmutters Rezept für Bowideldatschkerl?  - Aufbewahren. Unbedingt. In einem geheimen Netz. Wer weiß, was damit einmal verknüpft werden kann, welcher Fremde in der Zukunft über Bowidel staunt und/ oder womöglich neue Erkenntnisse daraus gewinnt.

Wir jedenfalls wünschen, dass Sie sich dem scheinbar so gegensätzlichen Begriffspaar „heimat - fremde“ nähern können, weil es sich auf faszinierende Weise und in unterschiedlichen Kontexten immer wieder ergänzend zu bedingen und auszugleichen scheint.

In diesem Sinn bedanken wir uns für Ihr Kommen und wünsche uns allen einen geistreichen, aber auch vergnüglichen Abend.


Karin Nowak

 

 

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